Der Dieselgipfel: Ein offener Brief


Der Dieselgipfel: Ein offener Brief

 

Ein offener Brief von Dr. Mario Buchinger an die Vorstände der deutschen Autohersteller sowie deren Lobbyverband VDA zum Ergebnis des so genannten Dieselgipfels am 2. August 2017 in Berlin.

 

Lesen Sie den ganzen Text auf LinkedIn.

 

 

Sehr geehrte Vorstände der Daimler AG, Volkswagen AG, BMW AG samt VDA,

schon lange frage ich mich, wohin steuern Sie mit Ihrer Branche? Ich habe eine Befürchtung, doch ich hoffe jedes Mal, dass diese nicht eintritt. Der dieswöchige Dieselgipfel in Berlin trägt einmal mehr dazu bei, dass ich davon ausgehen muss, dass meine schlimmsten Annahmen eintreten werden.

Wann fangen Sie endlich an, Ihre Hausaufgaben zu machen? Wo ist Ihr Kundenverständnis und die Wertschätzung für Ihre Kunden? Sie hatten so viele Gelegenheiten, endlich alles aufzuklären, Kunden angemessen zu entschädigen und Ihren Verpflichtungen nach sauberen und zukunftsweisenden Antriebskonzepten nachzukommen. Ok, das hätte Ihren EBIT etwas gedrückt. Na und? Für Sie alle ist das eigentlich ein Kinderspiel, mehr als genug haben Sie in den vergangenen Jahrzehnten “verdient”.

Stattdessen kuscheln Sie, wie schon seit eh und jeher, mit der Politik, verharren in der Vergangenheit während andere Wettbewerber längst Lichtjahre weiter sind. Und Sie müssen sich nicht nur vor Tesla fürchten. Es gibt auch andere globale Spieler wie zB. BYD, Future-Mobility oder Tata. Renault und Nissan haben schon länger bezahlbare Elektrofahrzeuge am Markt und Toyota sowie Hyundai fahren Ihnen bei der Brennstoffzelle davon. Und in China, den USA aber auch in Europa gibt es viele Startups, die technisch und vor allem gedanklich und kulturell Ihnen weit überlegen sind.

Das Automobilgeschäfft verändert sich, weg von “Freude am Fahren”, “Vorsprung durch Technik” oder “Das Beste oder nichts” hin zu individueller und besitzloser Mobilität. Das Besitzen eines Automobils und die persönliche Identifikation, sowie die Bedeutung als vermeintliches Statussymbol ist ein Bild der Vergangenheit, das nicht die Zukunft ausmacht. Die Zukunft bedeutet, Mobilität zu nutzen, individuell und unabhängig. Das Automobil wird zum Sekundärprodukt, ein Mittel zum Zweck.

Wann nehmen Sie endlich wahr, dass der Paradigmenwandel in vollem Gang ist und Sie eigentlich schon heute zum “alten Eisen” gehören? Wann bemerken Sie, dass Ihre strategische Krise in vollem Gang ist und diese, wenn Sie aus der Vergangenheitsfalle nicht endlich heraus kommen, zur monetären und schließlich zur existenziellen Krise werden kann?

Das Gefährliche an strategischen Krisen ist, dass diese oft nicht erkannt werden, weil in dieser Phase der Bedrohung die Gewinne noch immer sprudeln und der momentane Erfolg die Probleme überdeckt. Unbeachtet wird dies zu einer großen Gefahr.

Wenn Sie jetzt und heute ernsthaft handeln, ist es bereits herausfordernd, den entstandenen Imageschaden und den Rückstand auf weit innovativere Wettbewerber aufzuholen. Wenn ich mir aber Ihr Verhalten und Ihr Vorgehen, auch bei der gestrigen Veranstaltung in Berlin, anschaue, bin ich pessimistisch. Sollte es zu Arbeitsplatzverlusten in der Automobilindustrie und (OEMs und Zulieferer) in Deutschland und den angrenzenden Ländern kommen, tragen Sie die Verantwortung dafür.

Es sind nicht die “böse Elektromobilität” oder die vermeintlichen “Schmutzkampganen” gegen den so tollen Diesel, es ist Ihre Ignoranz und die Ignoranz einiger politischer Instanzen, die ein derartiges Schreckensszenario zu verantworten haben. Ihr Nichtstun und Ihr Verharren in der Vergangenheit sind die größte Gefahr für eben diese Arbeitsplätze, die Ihnen doch so wahnsinnig wichtig sind.

Bitte fangen Sie endlich an, unternehmerisch und damit langfristig und insbesondere im Sinne der Kunden zu denken und zu handeln. Und dies bitte nicht nur im Sinne der Kunden von heute, sondern auch im Sinne derer von morgen. Daimler, Volkswagen, BMW sowie der VDA als Lobbyverband, Sie haben es in der Hand, ob Sie die Veränderungen, die längst im Gange sind, kundenorientiert und im Sinne Ihre gesellschaftlichen Verantwortung mitverändern, oder ob Sie verändert werden.

Der dritte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland Gustav Heinemann, sagte einmal treffend:

“Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte”.

Mit sorgenvollen Grüßen aus den Tiroler Alpen.

Mario Buchinger