Auto first, Mensch second: Gerechtfertigte Auto-Kritik?
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Auto first, Mensch second: Gerechtfertigte Auto-Kritik?

Der Spruch „Auto first, Mensch second“ wurde vor kurzem vom deutschen Satiriker Jan Böhmermann geprägt und er hat Recht mit seiner Auto-Kritik: Unsere Städte sind für Autos gebaut – nicht für Menschen. Ich würde noch ergänzen, nicht nur die Städte – unsere ganze Umgebung ist auf Autos ausgerichtet. Welche Kritikpunkte gibt es und wie sehen die Fakten aus? Das erfahren Sie in diesem #RestartThinking Blogbeitrag, weitere Linktipps und die entsprechenden Quellen finden Sie am Ende des Beitrags.


Auto-Kritik Punkt 1: Flächenverbrauch

In Deutschland wurden im Jahr 2018 täglich 16 Hektar oder anders gesagt 160.000 m2 pro Tag für Verkehrsflächen verbraucht (1). In Österreich sind es seit 2013 etwa 1,1 bis 2,4 ha, also 11.000 bis 24.000 m2 pro Tag (2). Die Zahlen sind schier unglaublich, überlegen Sie im Vergleich dazu, wie groß Ihre Wohnung oder Ihr Haus ist. 

In „schönen“ Regionen, wie hier in Tirol, wird auch immer besonders darauf geachtet möglichst viele Annehmlichkeiten für Tourist:innen zu schaffen. Dann wird auch das hinterste Bergtal erschlossen und mit Parkplätzen versehen. 


Auto-Kritik Punkt 2: Flächenbedarf

Der Bedarf an Flächen ist gegeben, denn am 1. Januar 2021 gab es in Deutschland 48,2 Millionen PKW (3) und 5,09 Millionen PKW in Österreich (4). Zudem werden die Teile immer größer: Seit den 1960iger Jahren sind die PKWs im Durchschnitt um 30 cm breiter und 60 cm länger geworden (5). Die Parkplätze und Garageneinfahrten wuchsen nicht unbedingt im selben Maße mit, was man bei der Parkplatzsuche in Innenstädten oftmals merkt.

Wer meint, dass die paar Zentimeter mehr nichts ausmachen, dem rate ich die Veröffentlichungen des von mir sehr geschätzten emeritierten Professors der TU Wien, Dr. Hermann Knoflacher, zu lesen. Oder geben Sie mal den Begriff „Gehzeug“ in eine Suchmaschine Ihrer Wahl ein. 

Seine Auto-Kritik ist gerechtfertigt, denn jedes Fahrzeug nimmt etwa 7 bis 10 m2 Platz ein. Nicht nur vor dem eigenen Haus oder der Wohnung, sondern einfach überall. Wenn man die deutschen PKWs mit einer Fläche von nur 7m2 multipliziert (was bei SUVs definitiv nicht reicht), erhält man den enormen Flächenbedarf von 337,4 Millionen m2 oder umgerechnet könnten die deutschen Fahrzeuge knapp 47.255 Fußballfelder füllen – dann wird es in der nächsten Fußballsaison allerdings recht voll.

Professor Knoflacher ergänzt:

„Der Autofahrer ist absolut asozial. Er merkt es nur nicht.“

Dr. Hermann Knoflacher im Interview im ManagerMagazin (6)

Das klingt harsch, aber er hat Recht mit seiner Auto-Kritik. Die Autofahrer:innen nutzen die Flächen überall, nicht nur auf deren Eigentum, es werden extra Straßen und andere notwendige Flächen gebaut und das Parken ist oftmals kostenlos. Menschen ohne Auto subventionieren diese Infrastruktur mit, außerdem kommen noch Vergünstigungen, wie Dieselprivileg oder Dienstwagenregelungen, hinzu. In den letzten Jahren wurden die Automobilkonzernen oftmals mit teuren Geschenken aus unseren Steuergeldern subventioniert und damit fehlte das Geld für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, der allen zugute kommt. 

Zum Thema Kostenwahrheit bei Umweltschäden kommen wir noch etwas später – aber wichtig ist, dass die Autofahrer:innen vor allem nicht den Dreck und die Schäden, die sie anrichten, bezahlen

An dieser Stelle sei nochmals erwähnt, dass der Umstieg auf Elektromobilität zwar ein Schritt in die richtige Richtung ist, aber wenn wir die Fahrzeuge nur 1:1 ersetzen, haben wir nichts gekonnt. Wir müssen die Angebote zur gemeinsamen Nutzung (öffentlicher Verkehr, Car Sharing, Rufbusse, etc.) ausbauen und besser vernetzen. Wir von Buchinger|Kuduz gehen selbst mit gutem Beispiel voran und zeigen, wie diese Verhaltensänderung funktionieren kann. Mehr zur Mobilität der Zukunft finden Sie hier im #RestartThinking Blog und in unserer Video-Serie „Unsere Mobilitätswende“ auf YouTube


Auto-Kritik Punkt 3: Gesundheitliche Auswirkungen

Luftschadstoffe, wie u.a. SO2 (Schwefeldioxid), NOx (Stickoxiden) oder H2S (Schwefelwasserstoff) oder Feinstaub, die vor allem von Verbrennungsmotoren ausgestoßen werden, sind gesundheitsschädlich, besonders für vulnerable Gruppen wie alte Menschen und Kinder. 

Auch der Lärm durch den Verkehr führt zu Stressreaktionen und wirkt sich langfristig auf die Gesundheit aus. Laut dem VCÖ verursacht Verkehrslärm in Österreich zwei Milliarden Euro an Kosten (7).

All diese Schäden sind aber nicht in den Abgaben für Treibstoffe oder Fahrzeuge eingepreist. 

Dazu kommen noch die Schäden durch die Treibhausgasemissionen, denn der Verkehr verursacht beispielsweise in der EU knapp 30 % des gesamten CO2-Ausstoß. Davon kommen wiederum 72 % vom Straßenverkehr (PKW und LKW) (8). Zwar wurden die Motoren im Laufe der Zeit effizienter, doch durch die Zunahme der Größe und des Gewichts und durch Zunahme der Fahrten, ist die CO2 Belastung seit dem Jahr 1990 sogar gestiegen (8).


Auto-Kritik Punkt 4: Finanzielle Folgen

Für alle, die noch immer behaupten, der Schutz vor der Klimakrise sei viel zu teuer und wir machen einfach so weiter, habe ich eine spannende Überlegung: Die Schäden der Hochwasserkatastrophe vom Sommer 2021 in Deutschland wurden mit 30 Milliarden Euro veranschlagt. Wie viel erneuerbare Energieanlagen und öffentliche Verkehrsmittel könnten damit bezahlt werden? 

  • Beispielsweise könnte man damit über 1.000 neue ICEs kaufen. Derzeit sind aber nur rund 370 Garnituren in Betrieb. 
  • Oder man könnte über 8.000 Windräder bauen, die mindestens 20 Jahre lang erneuerbaren Strom produzieren. Im Jahr 2020 wurden in Deutschland nur 420 neue Windenergieanlagen zugebaut. Im gleichen Zeitraum wurde aber 203 Altanlagen außer Betrieb gesetzt (9).
  • Das Geld würde auch reichen um mehr als 20 GWp Photovoltaik-Kapazitäten zu bauen, die weit mehr als 20 Jahre lang Strom produzieren. Auch hier wieder ein Vergleich: Im Jahr 2019 wurden in Deutschland knapp 4 GWp PV installiert (10). 

Wie gesagt, das ist nur das Budget für EIN Katastrophenereignis, welche in Zukunft aber wesentlich häufiger passieren werden. 


Auto-Kritik Punkt 5: Langzeit-Kosten

Im derzeitigen Diskurs über Beiträge zur Veränderung erlebe ich oft, wie die Verantwortung hin und her geschoben wird: „Der Verkehr ist schlimm, aber die Energiewirtschaft ist viel schlimmer.“ „Ja, die Unternehmen alleine können das Klima auch nicht retten, es braucht die Politik oder die Kund:innen.“

Schluss damit!

Wir haben keine Zeit mehr für diese Ausreden. Alle müssen ran und alle Sektoren müssen handeln. Denn es wird wesentlich teurer als wir bisher angenommen haben: 

Eine wichtige internationale Studie von Forschenden u.a. des University Colleges London und der ETH Zürich ist gerade im September 2021 erschienen. Die Forschenden stellten fest, dass in den bisherigen Modellen über die Kosten der Klimakrise Langzeiteffekte durch die Klimaschäden nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Laut der Veröffentlichung „The social cost of carbon dioxide under climate-economy feedbacks and temperature variability” werden die SCCO2 (social cost of carbon dioxide) um das sechsfache höher sein als bisher angenommen oder in Zahlen ausgedrückt: Wenn wir so weiter machen, werden im Jahr 2100 51 % des weltweiten BIPs für Kosten der Klimakrise aufgewendet werden müssen (11).  

Werden die Langzeiteffekte eingerechnet, belaufen sich die Schäden pro Tonne CO2 auf 3.000 Dollar (11). Nochmals, denn die Zahl ist schier unglaublich: 3.000 Dollar pro Tonne CO2! Im Vergleich dazu: Deutschland besteuert seit heuer Brennstoffe mit 25 Euro pro Tonne CO2. 


Auto-Kritik Punkt 6: Effizienz-Wahnsinn

Wenn das noch immer nicht genug Argumente sind, dann möchte ich ein Beispiel aus der Wirtschaft anführen. In welchem Unternehmen wird eine neue Maschine, die keine 4 % pro Tag benutzt wird, angeschafft? Das Auto ist kein Fahrzeug, sondern ein Stehzeug. Denn im Durchschnitt werden Fahrzeuge 1 Stunde pro Tag verwendet um damit 1,2 Personen zu transportieren. 

Das ist leider noch nicht alles, denn bei Verbrennerantrieben werden über drei Viertel des Treibstoffes in Wärme umgesetzt und der Rest in Bewegung. Beim E-Auto ist es wenigstens umgekehrt, aber das Problem der Auslastung bleibt. 

Daher und unter Berücksichtigung aller vorher genannten Punkte kann die Individualmobilität mit dem eigenen PKW nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Und hier komme ich wieder zu Professor Knoflacher:

Wir müssen passende Strukturen schaffen. Denn: Wenn es angenehm ist, nur zu Fuß zu gehen, dann geht man zu Fuß; wenn es angenehmer ist, Rad zu fahren und zu Fuß zu gehen, dann fährt man Rad und geht zu Fuß; wenn es am angenehmsten ist, mit dem öffentlichen Verkehr, dem Rad und als Fußgänger unterwegs zu sein, dann entsteht der sogenannte Umweltverbund aus Fahrrad-, Fußgänger- und öffentlichem Verkehr.

Dr. Hermann Knoflacher im Interview im ManagerMagazin (6)

Veränderung gestalten

Was kann man also tun und wirksame Veränderungen auch in die Tat umsetzen? Wir vom #RestartThinking Blog kommen immer wieder auf das Thema zu sprechen und schreiben auch für andere Fachmedien. 

Es gibt viele Maßnahmen, die sofort und kostengünstig umgesetzt werden können UND die große Wirkung zeigen: Beispielsweise würde das Tempolimit auf deutschen Autobahnen 1,9 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Das wären zumindest 0,3 % des jährlichen deutschen CO2-Ausstoßes. Zudem kämen noch positive Effekte durch die Reduktion von Luftschadstoffen, Feinstaub, Lärm und Unfällen hinzu. 

Diesbezüglich möchte ich Ihnen auch den Beitrag von Michael Schwendinger vom VCÖ zum Thema Tempo 30 empfehlen (12). Denn neben den oben erwähnten Verbesserungen in Bezug auf CO2, Schadstoffe und Lärm betont Schwendiger auch:

Niedrigere Tempolimits bedeuten auch, dass die vorgeschriebene Mindestbreite für Straßen geringer ist. Es wird Platz frei. Platz, den Städte angesichts der zunehmenden Erderhitzung dringend für mehr schattenspendende Bäume und kühlende Grünflächen benötigen.

Michael Schwendinger im Standard.at Interview (12)

Lassen wir die Emotionalität, die manche beim Thema Auto haben, außen vor und denken über folgende Vision nach: Was spricht gegen lebenswerte Städte und Gemeinden mit ruhigen Bereichen, in denen es ausreichend Grünflächen mit Bäumen gibt, Kinder genügend Platz haben um sicher spielen zu können und sich die die Menschen wieder begegnen?

Solche Überlegungen treiben uns an und die Veränderung ist leichter als man glaubt. Kommen Sie mit auf die Reise der Veränderungsfähigkeit!


Haben Sie Fragen oder Kommentare, dann freue ich mich auf Ihre Nachricht.

Beste Grüße
Ihre Marlene Buchinger


Linktipps:

ZDF Magazin Royal zum Thema „Auto first, Mensch second“

Der #RestartThinking Podcast mit Ideen und Lösungen für die Transformation der Wirtschaft und Gesellschaft


Quellen:

  1. Deutsches Umweltbundesamt über Flächenverbrauch
  2. Österreichisches Umweltbundesamt über Flächenverbrauch
  3. Kraftfahrtbundesamt über die KFZ-Zulassungen in Deutschland
  4. Statistik Austria über KFZ-Zulassungen in Österreich
  5. ZDF Royal Folge vom 17.09.2021
  6. ManagerMagazin Interview mit TU-Professor Dr. Hermann Knoflacher
  7. VCÖ über Tempo 30 und dessen Vorteile
  8. Europäisches Parlament über CO2-Emissionen von Autos
  9. Windguard.de über den Zubau von Windenergieanlagen in Deutschland im Jahr 2020
  10. Statista Auswertung über installierte Solarenergie
  11. Phys.org über neue Studie zu Kosten der Klimakrise und deren Langzeitfolgen
  12. Standard.at Interview mit Michael Schwendinger vom VCÖ über Tempo 30