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Wunsch und Wirklichkeit klaffen derzeit weit auseinander: Wir wissen, dass die CO2-Mengen, die unser Lebensraum noch verträgt, rapide zur Neige gehen. Doch gleichzeitig investieren wir Milliarden in Technologien, die diese Veränderung im wahrsten Sinne befeuern. Was ist die Carbon Bubble? Wann wird sie platzen? Und was können wir dagegen tun?

Wie viel Zeit haben wir noch?

Wenn wir noch irgendwie das 1,5 Grad Ziel schaffen wollen, bleiben uns noch etwas weniger als 7,5 Jahre Zeit. 1,5 Grad Ziel bedeutet den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad zu begrenzen. Wenn Sie der Meinung sind, das sei nicht viel, dann gebe ich zu bedenken, dass die 1,5 Grad vor allem durch die großen Meeresflächen begünstigt werden, die sich nicht so schnell erhitzen. Auf Landmassen, also in Gebieten wie Österreich oder Deutschland, bedeuten 1,5 Grad globaler Durchschnitt entsprechend 3 bis 4 Grad mehr und das ist für jede:n von Bedeutung.

Den aktuellen Stand des Klimabudgets und andere wissenswerte Fakten hat die Süddeutsche in deren Klimamonitor zusammengestellt.


Rasches Handeln nötig

Die Erkenntnis das rasches Handeln nötig ist, hat sich herumgesprochen – sogar in der Finanzwelt, wie die folgenden Zitate zeigen:

“My personal view is that any institution has to have climate change risk and protection of the environment at the core of their understanding of their mission. […] [The ECB’s] primary mandate is price stability, of course. But it has to be embedded that climate change and environmental risk are mission-critical.”

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, September 2019 (1)

“Put simply, Barclays fully understands our corporate responsibility in respect of climate change. We are a supporter of the goals of the Paris accord. And we will keep our policy position under constant review to ensure that our actions align with those goals.” 

James Edward Staley, CEO Barclays, Mai 2019 (2)

Worte und Taten weltweit

Solche Aussagen, Absichtsbekundungen und ähnliches hat es in den letzten Jahren schon viele gegeben. Mir fällt in diesem Zusammenhang immer der Begriff „Greenwashing“ ein. 

Wenigstens gibt es NGOs, wie BANKTRACK die Finanzinstituten auf den Zahn fühlen und fundierte Recherchen anstellen. Beispielsweise veröffentlicht die Organisation jährliche Berichte. Sie gehen darin dubiosen Deals der Banken auf den Grund und betrachten deren Auswirkungen auf die Bereiche Energie und Klima, Menschenrechte und Natur, etwa den Einfluss von Finanztransaktion auf den Regenwald. 

Gemeinsam mit anderen Organisationen, wie dem Rainforest Action Network und dem Indigenous Environmental Network, hat BANKTRACK die Webseite “Bankingonclimatechaos” aufgesetzt.

Der dort jährlich erscheinende Bericht „Fossil Fuels Finance Report“ lässt einem die Haare zu Berge stehen. Die betrachteten Bereiche reichen von der Förderung von Ölsanden, Fracking, Öl- und Gasbohrungen offshore und sogar in der Arktis bis hin zum Kohleabbau. Detailliert werden die Investitionen der Banken in den verschiedenen Bereichen aufgelistet und der ganze Wahnsinn lässt sich wie folgt zusammenfassen (3):

  • In den 5 Jahren seit der Verabschiedung des Pariser Abkommens finanzierten die 60 größten Privatbanken der Welt fossile Brennstoffe mit 3,8 Billionen (!) US-Dollar.
  • Trotz eines massiven weltweiten Rückgangs der Nachfrage und Produktion fossiler Brennstoffe im Jahr 2020 blieb die Finanzierung fossiler Brennstoffe durch die Banken im Jahr 2020 immer noch über dem Niveau von 2016 und 2017.

Worte und Taten in Europa

Für Europa und die europäischen Finanzinstitute hat sich die Plattform ShareAction in deren aktuellen Report interessiert, welcher am 14.02.2022 erschienen ist. ShareAction hat sich zur Aufgabe gemacht Standards für nachhaltige Investments zu erarbeiten. Leider sieht es in Europa in diesem Bereich auch nicht wirklich besser aus, denn ShareAction kommt zu dem Schluss (4):

  • HSBC, Barclays und BNP Paribas sind die schlimmsten Übeltäter, die seit 2016 jeweils 59, 48 bzw. 46 Milliarden US-Dollar für fossile Investments bereitgestellt haben.
  • Die Net Zero Banking Alliance hat es bisher versäumt, einen Einfluss auf dieses kritische Thema zu nehmen. Seine Mitglieder haben seit seiner Gründung im vergangenen April mindestens 38 Milliarden US-Dollar an Finanzmitteln für die 50 wichtigsten vorgelagerten Öl- und Gasförderer bereitgestellt. Die Hälfte davon wurde von vier Gründungsunterzeichnern investiert: Barclays, BNP Paribas, Deutsche Bank und HSBC.

Auch konservative Quellen rufen nach Veränderung

Wenn Ihnen BANKTRACK oder ShareAction zu progressiv sein sollten, dann empfehle ich die Internationale Energieagentur (IEA), die alle Energiearten weltweit betrachtet und als eine Untereinheit der OECD Interessen der Mitglieder, allesamt Industrienationen, vertritt. Daher freut es mich umso mehr, dass auch hier der Ruf nach Veränderung laut wird:

Als Hauptverursacher globaler Emissionen ist der Energiesektor der Schlüssel zur Bewältigung der globalen Klimaherausforderung. Trotz vieler Zusagen und Bemühungen der Regierungen, die Ursachen der globalen Erwärmung anzugehen, sind die CO2-Emissionen aus Energie und Industrie seit der Unterzeichnung des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen im Jahr 1992 um 60 % gestiegen. Die globalen Verpflichtungen und Maßnahmen nehmen zu, aber sie reichen noch immer nicht aus, um den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 °C zu begrenzen und die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels abzuwenden.

IEA, Net Zero by 2050, Mai 2021 (5)

Netto-Null bedeutet enorme Rückgänge bei der Nutzung von Kohle, Öl und Gas. […] Um bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen, ist nichts weniger als die vollständige Transformation des globalen Energiesystems erforderlich.

IEA, Net Zero by 2050, Mai 2021 (5)

Die IEA macht sogar konkrete Vorschläge wie diese Rückgänge bzw. die Transformation des Energiesystems aussehen könnten. Aber die wichtigste Frage bleibt: Was passiert mit den bestehenden Investments in fossile Technologien? Das bringt uns zum Titel dieses Blogs, der Carbon Bubble.


Carbon Bubble – Was ist das und warum ist es wichtig?

Die “Carbon Bubble”, im Deutschen auch „CO2-Blase“ oder „Kohlenstoffblase“ genannt, bezeichnet die Spekulationsblase, die durch Investitionen in fossile Technologien, Anlagen oder auch Rohstoffvorkommen entstehen. Diese Investitionen befinden sich im krassen Gegensatz zum Pariser Klimaabkommen und daher müssten sie beendet werden. Das würde auch beinhalten, gewisse Rohstoffvorkommen nicht anzutasten. Jede weitere Investition in diese Technologien trägt zu dieser Blase bei. 

Im Jahr 2007 ging von der Spekulationsblase in den USA mit fragwürdigen Kreditvergaben auf Häuser eine Schockwelle in Form der Finanzkrise schließlich um die ganze Welt. Bei der Carbon Bubble verhält es sich ähnlich, nur dass diese Anlagen und Technologien überall auf dem Planeten vorhanden sind (Stranded Assets) und die Auswirkungen entsprechend global sein werden. 

Unternehmen selbst, Banken, Versicherungen, Investment- und Pensionsfonds tragen zu der Blase bei. Der UN Global Compact stellte 2021 fest, dass keiner der wichtigsten Aktienindizes in den G7-Länder derzeit mit den Paris Zielen kompatibel ist. 2 Grad wird nicht erreicht, von 1,5 Grad ganz zu schweigen. (6)

Dieses notwendige „Divestment“ hat noch nicht stattgefunden, da die Weltwirtschaft zwei Jahre lang mit Covid beschäftigt war und da sich noch immer gutes Geld mit der Zerstörung unserer Lebensgrundlage machen lässt. Unter dem Motto „Gier frist Hirn“ ist die Diskrepanz zwischen etwaigem Wissen, vagen Ankündigungen und dem tatsächlichen Handeln sehr hoch. Die Gefahr, dass die Carbon Bubble platzt, wird daher von Jahr zu Jahr größer.


Auswirkungen auf Green Deal

Auch in Europa waren Lobbygruppen mit finanziellen Interessen erfolgreich. Grundsätzlich hat die EU-Kommission mit dem Green Deal – also der Förderung von nachhaltigen Technologien – zur Zukunftssicherung und im Kampf gegen den Klimawandel die richtige Richtung eingeschlagen. Um festzulegen was als „nachhaltig“ gilt, sollte die EU Taxonomie Richtlinie aufgesetzt werden. Das wurde sie auch und im letzten Moment wurde der Entwurf noch mit Atomkraft und Gas als „Übergangstechnologien“ ergänzt. 

Gas kann niemals nachhaltig sein und bei Atomkraft ist es aus diversen Gründen gleich. Mehr dazu hören Sie im #RestartThinking-Podcast von Ökonomie-Physiker Mario Buchinger.

https://www.buchingerkuduz.com/restartthinking-podcast-folge-151-das-ende-des-green-deal/

Auch hier haben sich leider Lobbyisten durchgesetzt, die finanzielle Interessen über das Gemeinwohl stellen. Denn damit wird der Weg der Erneuerbaren Energien erschwert und wir verschwenden Zeit, die wir nicht haben.

Neben den Umwelteffekten verlängert sich die Abhängigkeit von Importen und dubiosen Regimen, was man am derzeitigen Konflikt mit Russland gut erkennen kann. Wir zahlen jährlich Milliarden an andere anstatt dieses Geld in der jeweiligen Region zu investieren und regional stabile Strukturen, Know How und Wertschöpfung aufzubauen. 


Kopf in den Sand stecken oder sinnvolle Lösungen?

Auch wenn mir dieses Verhalten absolut verständlich erscheint, ist den Kopf in den Sand zu stecken die falsche Option. Stattdessen geht es um Vorsorge und Eigenverantwortung, den essentiellen Punkten des Unternehmertums. Als Anleitung können folgende Fragen dienen:

  • Welche Auswirkungen hat die Klimakrise auf Ihr Geschäftsmodell? Sind Produkte oder Dienstleistungen davon betroffen oder erschließen sich sogar neue Möglichkeiten?
  • Wie sieht Ihre Lieferkette aus? 
  • Wurde eine Risikoevaluierung durchgeführt? 
  • Wie viel Energie beziehen Sie? Woher kommt diese? Was kostet die Energie? Können Sie Preiserhöhungen verkraften?
  • Wie können Sie Energie und Ressourcen sparen? Sind die bisherigen Daten und Entwicklungen in diesen Bereichen bekannt? Wenn nicht, bis wann werden diese erhoben?
  • Wie können Sie in Bezug auf Energie selbst tätig werden? Ist die eigene Produktion von Erneuerbarer Energie möglich? Sind Lieferverträge über PPAs oder Stromgemeinschaften eine Option? 
  • Wie ist die Mobilität in Ihrem Unternehmen gestaltet (für Lieferungen, Geschäftsreisen und die Mobilität der Mitarbeitenden)?
  • Gibt es Investments in Ihrem Unternehmen? Gibt es dafür Qualitätskriterien zB für Nachhaltigkeit (Stichwort ESG) oder Zukunftsfähigkeit? 
  • Wie gehen Sie mit Finanzpartner um? Stellen Sie deren Aktivitäten auf den Prüfstand? Bzw. stellen Sie den Finanzunternehmen Unterlagen über das eigene Engagement zur Verfügung?

Wir arbeiten gerade an diesen Fragen auch für unser eigenes Unternehmen. Denn es gilt – egal ob Unternehmen oder Privatpersonen – die Reduktion von Energie- und Ressourcenbedarf, der Bezug von erneuerbarer Energie, die Neudefinition von Mobilität und auch die Auswahl von Finanzunternehmen und -produkten hilft, um auf die Herausforderungen der Zukunft besser vorbereitet zu sein. 

Bei Fragen oder Kommentare zur Carbon Bubble oder den notwendigen Veränderungen im Bereich Klimatransformation freue ich mich auf Ihre Nachricht!

Herzliche Grüße
Marlene Buchinger

Veränderung. Denken. Können
#RestartThinking

Quellen:

  1. Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, September 2019
  2. James Edward Staley, CEO Barclays, Mai 2019
  3. Bericht “Fossil Fuels Finance Report 2021”, Banking on Climate Chaos, Oktober 2021
  4. Bericht “Oil & gas expansion A lose-lose bet for banks and their investors”, ShareAction, Februar 2022
  5. International Energy Agency, Report Net Zero by 2020, Mai 2021
  6. UN Global Compact, News, September 2021