Die deutschen Autobauer sind auf die Zeitung „DER SPIEGEL“ derzeit nicht gut zu sprechen, denn der Titel der neuesten SPIEGEL-Ausgabe lautet „Das Kartell“ (1). Bei dem gleichnamigen Roman von Don Winslow (2) ging es um Drogen und eine mächtige mexikanische Organisation, bei der aktuellen Ausgabe dreht sich alles um Dieselmotoren und eine eingeschworene Gemeinschaft von Managern.

Erinnern Sie sich noch an die Rede von Michael Horn in den USA, bei der der VW-Manager Besserung gelobte? Er sagte: „We have totally screwed up. We must fix those cars, prevent from ever happening again and we have to make things right.“ Was danach folgte, ist aber leider nicht besser. Nur schleppend geht die Nachbesserung voran und ich wage zu bezweifeln, dass ein Software Update das Problem wirklich löst. Von Schadenersatz oder anderen Kulanzlösungen sind die europäischen Verbraucher weit entfernt.

Die Manager der großen Konzerne inszenieren sich mittlerweile als Opfer einer medialen Hetzjagd (3), obwohl sie den ganzen Wahnsinn eigentlich verantworten müssten. Hier liegt die Betonung auf dem Wort „eigentlich“, denn außer in den USA drohen bis dato in keinem Land ernsthafte Konsequenzen.(4)

Das Kartell

Aber zurück zum derzeitigen Aufreger: DER SPIEGEL recherchierte umfassend und spricht in seinem Leitartikel von der „Deutschen Automobil AG“, denn die Daimler, BMW, Audi, Porsche und Volkswagen haben sich seit den 1990iger Jahren zu diversen technischen Themen abgestimmt. Dies geht aus der VW-Selbstanzeige aus dem Jahr 2016 hervor. Wenn der Konzern schon von sich aus so etwas zugibt, steckt meiner Meinung nach mit Sicherheit mehr dahinter.

Es ist von sogenannten “5er-Kreisen“ die Rede, also Arbeitsgruppen zu diversen Themen, wie Antrieb, Aufbau und Karosserie, Fahrwerk, Elektrik und Elektronik. DER SPIEGEL berichtet von 60 Arbeitsgruppen und Unterarbeitsgruppen und über 1000 stattgefundenen Sitzungen mit Tagesordnungen und Protokollen, was auf eine organisierte Vorgehensweise schließen lässt.

Neben den technischen Themen wurden auch Informationen über Lieferanten ausgetauscht. Diese regelmäßige Abstimmung führte dazu, dass keiner der genannten Hersteller in einem der Bereich voran geprescht ist. Die Leidtragenden dieses verzerrten „Wettbewerbs“, sofern man davon noch sprechen kann, sind somit wieder die Kunden.

Es ist irgendwie die Ironie des Schicksals, dass die EU-Kommission in Brüssel und das Bundeskartellamt in Bonn auf der Suche nach einem Stahlkartell waren und als Draufgabe Informationen über einen der größten Skandale der letzten Jahrzehnte gefunden haben. VW und Daimler haben als erste Selbstanzeige erstattet und Informationen an die Kartellwächter übermittelt. Beide hoffen als „Kronzeuge“ auf verminderte Strafen.

Wie geht es weiter?

Die EU-Kommission und das Bundeskartellamt prüfen den Fall. Der Ruf nach Konsequenzen wird laut. Der deutsche Justizminister Heiko Maas will nun die Verbraucher stärken und fordert politische Konsequenzen.(5) Die kann ich derzeit leider so gar nicht sehen, denn der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt ist derzeit sehr wortkarg. Dies wiederum verwundert nicht, denn wenn er etwas gegen die Autolobby unternimmt, was den Verbrauchern nützen würde, wackelt der Anschlussposten, der wahrscheinlich nach der politischen Laufbahn in der Autobranche winkt.

Die Arroganz

Die Fassade der ehemaligen Vorreiterrolle des „German Engineering“ bröckelt, denn in den letzten Jahren glänzten die Konzerne mehr mit Vertuschung und Lobbying als mit Innovation und Ideen. Wenn der einzige Weg, die Position zu sichern, darin besteht, zu beeinflussen, dann sieht es schwarz für diese Industrie in Deutschland aus. Das daraus massive Veränderungen auf den Standort Deutschland und auch auf die umliegenden Länder, die stark mit der Autoindustrie verbandelt sind, zukommen werden, ist klar.

Der Imageverlust ist schwer zu beziffern. Es bleibt abzuwarten, wie die Börsenkurse auf die weiteren Entwicklungen reagieren. Eines ist aber sicher, die Anleger werden nicht erfreut sein, wenn Milliardenstrafen für das Kartell im Raum stehen. Die Nachwirkungen des Dieselskandals mit Strafzahlungen von 4,3 Mrd. Dollar in den USA waren auch kein Kindergeburtstag.

Ist das alles nötig?

Nein! Technisch wäre beispielweise die Reinigung der Dieselabgase möglich, aber die notwendigen Vorrichtungen, wie ein größerer Tank für das AdBlue Harnstoffgemisch, sind teurer, brauchen mehr Platz und würden die Margenerwartungen bei diesen Fahrzeugen senken.

Laut dem SPIEGEL war ursprünglich die Idee einen Tank in der Größe von 17-35 Litern zu verbauen, damit die Kunden 15.000-30.000 Kilometer fahren können und der Tank bei der Inspektion gefüllt werden kann. Schlussendlich ist der Tank bei europäischen Fahrzeugen nur 8 Liter groß geworden und das Harnstoffgemisch reichte für 6.000 Kilometer. Durch strengere Normen (Euro 6) musste die Harnstoffzugabe erhöht werden, somit reichte das Gemisch nur mehr für 2.000 bis 3.000 Kilometer. Aber anstatt dass einer der Hersteller begonnen hätte, größere Tanks zu verbauen, wurde die bekannte „Schummelsoftware“ entwickelt.

Gibt es eine Lösung?

Nur ein massives Umdenken kann die deutsche Autoindustrie noch retten. Warnschüsse hat es in der letzten Zeit schon genug gegeben. Ich meine mit Umdenken hier nicht, die Lippenbekenntnisse der letzten Monate. Diese sind ein Hohn gegenüber den KonsumentInnen. Ich meine, echte Veränderungen, die in den Führungsetagen der Autokonzerne beginnen müssen. Wie wäre es beispielsweise damit, dass VW die Schummeldiesel tatsächlich umrüstet? Damit wäre die Glaubwürdigkeit wieder etwas hergestellt.

Auch könnte man die Themen Elektromobilität oder Brennstoffzelle tatsächlich ernsthaft angehen. Denn ein Elektromotor in einem Porsche Cayenne, der nochmals 95 PS zu den vorhandenen 333 PS im aufgeladenen 3,0 Liter V6 Motor bringt, ist für mich nicht Elektromobilität, sondern eine Mogelpackung um die CO2 Flottenbilanz zu schönen.

Es wird Zeit …

… Umzudenken. Wie im Artikel „Strategische Krisen als Vorboten“ von Mario Buchinger sehr anschaulich beschrieben, befindet sich die deutsche Autoindustrie in einer tiefen strategischen Krise. Diese ist, wenn man nicht rechtzeitig gegensteuert, der Vorbote einer existenziellen Krise.

Wie nach so einer einschneidenden Veränderung die Autowelt aussehen könnte, hat Mario Herger in seinem Artikel „Wie sich der Kollaps der deutschen Autoindustrie abspielen wird “ sehr gut beschrieben

Hoffen wir, dass es nicht soweit kommt, und arbeiten wir daran, dass alternative Konzepte eine Chance bekommen.

 

Ich freue mich auf Ihre Kommentare zu diesem Thema!

Mit besten Grüßen,

Ihre Marlene Buchinger

Quellen:

  1. Magazin DER SPIEGEL, Ausgabe Nr. 30 vom 22.07.2017, Artikel „Das Auto-Syndikat“ von Frank Dohmen und Dietmar Hawranek, DER SPIEGEL Verlag, Hamburg
  2. Roman „Das Kartell“, Don Winslow, Droemer Knaur TB Verlag, München
  3. Artikel SPIEGEL ONLINE, „VW-Chef Müller beklagt „heftige Kampagne“ gegen den Diesel“ http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/abgasaffaere-vw-chef-matthias-mueller-beklagt-kampagne-gegen-den-diesel-a-1159098.html, abgerufen am 26.07.2017
  4. Artikel SPIEGEL ONLINE, „VW-Manager bleibt bis 2018 in Haft“ http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/vw-abgasskandal-manager-bleibt-bis-2018-in-haft-a-1139126.html, abgerufen am 26.07.2017
  5. Artikel SPIEGEL ONLINE, „Justizminister Maas fordert neue Klagerechte“ http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/abgasskandal-heiko-maas-attackiert-autokonzerne-und-fordert-neue-klagerechte-a-1159717.html, abgerufen am 26.07.2017
  6. Blogartikel „Wie sich der Kollaps der deutschen Autoindustrie abspielen wird“ von Mario Herger, https://derletztefuehrerscheinneuling.com/2017/04/21/wie-sich-der-kollaps-der-deutschen-autoindustrie-abspielen-wird/, abgerufen am 26.07.2017
Das Kartell

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