Zum Inhalt springen

Die Lügen der Fossil-Lobby

RestartThinking-Blog Die Lügen der Fossil-Lobby

Wie eine ganze Branche ihr toxisches Geschäftsmodell verlängern will

Die Branche der fossilen Energien stirbt. Aber leider nicht schnell genug. Noch immer versuchen die Protagonisten dieser toxischen Unternehmen um jeden Preis ihre Geschäftsmodelle am Laufen zu halten. Deren aktuelle Strategie ist besonders perfide: Sie verkaufen Scheinlösungen, die für Laien wie echter Klimaschutz wirken. Doch das Gegenteil ist der Fall. Eine Einordnung von Dr. Mario Buchinger.

Die Unternehmen der Fossil-Branche wissen schon lange, was ihre Geschäftsmodelle anrichten. So weiß man beispielsweise bei Exxon schon seit den 1970er Jahren, dass die Verbrennung fossiler Energieträger unseren Lebensraum negativ beeinflusst [1]. Doch anstatt das eigene Geschäftsmodell daraufhin zu transformieren, nutzen die Entscheider:innen das Wissen, das sie der Öffentlichkeit vorenthielten, um Lügen und Relativierungen zu streuen. Dabei ging man in verschiedenen Stufen vor:

Schritt 1: Leugnung

Der anthropogene Einfluss auf das Klima wurde zunächst grundsätzlich geleugnet. Um das zu untermauern, wurden Fake-Studien von bezahlten Wissenschaftler:innen in Auftrag gegeben. Das Leugnen funktioniert, bis auf ein paar völlig abgehängte Kreise aus dem Schwurbel-Milieu und ein paar Rechtsextremen, nicht mehr. Daher ging man zu Schritt 2 über.

Schritt 2: Relativierung

In diesem Schritt wurde behauptet, dass es zwar eine Veränderung gäbe, aber der Einfluss des Menschen marginal sei. Auch die Folgen der Veränderung wurden heruntergespielt. Auch dabei kamen dubiose Fake-Studien zum Einsatz. Auch dieses Mittel hat sich mittlerweile in der Breite abgenutzt. Daher ging man zu Schritt 3 über.

Schritt 3: Technologieoffenheit

Die „Technologieoffenheit“ ist zum Inbegriff für illusorische Technikgläubigkeit und Veränderungsverweigerung geworden. Man verspricht einfach ominöse Technologien, die angeblich dazu führen, dass man von bekannten Gewohnheiten nicht abrücken müsse. Die gemachten Versprechen sind zwar völlig illusorisch, jedoch bewirken diese, dass Menschen, die auf diese Lügen reinfallen, weiter auf Gedeih und Verderb auf die Geschäfte der Fossil-Branche angewiesen sind.

Drei wesentliche Beispiele für die fossilen Lügen in Schritt 3 sind

  • E-Fuels im Straßenbetrieb
  • Wasserstoff in Heizungen
  • Carbon Capture and Storage (CCS) als Kompensation für längst vermeidbare Emissionen

Um diese drei Ansätze und warum deren Propagieren das toxische Geschäftsmodell der fossilen Branche weiter verlängert, geht es in den folgenden Abschnitten.


E-Fuels

E-Fuels sind synthetische Kraftstoffe, die aus CO2 und Wasserstoff gewonnen werden. Dabei wird idealerweise CO2 aus der Atmosphäre gewonnen und Wasserstoff aus Wasser durch Elektrolyse. Die notwendige Energie soll aus 100% regenerativen Quellen kommen. Was genau dahinter steckt, haben wir bereits im Juni 2023 im #RestartThinking Blog „E-Fuels und pinke Einhörner“ [2] zusammengefasst. Das klingt erstmal ganz nett, aber das war es auch schon.

  • Denn diese Kraftstoffe werden kaum verfügbar sein und die geringen Mengen, die es gibt, werden dringend für die Anwendungen gebraucht, die man nicht so einfach direkt elektrifizieren kann. Dazu gehören die Großschifffahrt, Luftfahrt sowie Teile der chemischen Industrie.
  • Aktuell sind 60 Projekte zur Herstellung von E-Fuels weltweit geplant. Davon ist gerade mal 1 % der Projekte sicher finanziert [3]. Das zeigt auch, wie zurückhaltend Investor:innen bei dem Thema sind.
  • Würden alle bisher projektierten Anlagen in Betrieb sein, würde die erzeugte Menge gerade mal für 10 % des Bedarfs für Schifffahrt, Luftfahrt und chemische Industrie nur für Deutschland reichen. Da reden wir noch lange nicht vom weltweiten Bedarf und erst recht nicht von Anwendungen auf der Straße.
  • Die Energiebilanz von E-Fuels ist sehr schlecht. Man braucht enorme Mengen Energie um diesen Kraftstoff herzustellen. Im Vergleich zu einem batterieelektrischen Antrieb braucht man mit E-Fuels ausgehend von der Primärenergie etwa 5x so viel Energie [4].
  • Auch die Klimabilanz ist dürftig. Betrachtet man die Gesamtkette einschließlich Transport und Rohstoffen, schneiden E-Fuels kaum bis gar nicht besser als konventionelle fossile Kraftstoffe ab [5]. Auch aktuell betriebene Pilotanlagen beziehen die genutzte Energie keineswegs aus 100 % erneuerbaren Energiequellen und Rohstoffe wie CO2 werden mit Diesel-LKW zugefahren. Auch der Transport des Kraftstoffs zum Verbrauchsort erfolgt mit fossil betrieben Transportsystemen.

Das bedeutet, dass E-Fuels zumindest für die Straße weiter eine Illusion bleiben. Aber warum fördert das nun das Geschäftsmodell der Fossil-Branche? Es wird ja gerne darauf verwiesen, man müsse die Bestandsflotte auch „defossilisieren“. Doch wenn man Menschen nun in Aussicht stellt, man könne auch weiter Verbrenner fahren, weil es angeblich einen klimaneutralen Kraftstoff gäbe, wird die Bestandsflotte nicht verschwinden. Die Menschen, die dann auf die Täuschung reingefallen sind, werden diese E-Fuels aber nie bekommen. In der Folge werden sie weiter auf den immer teurer werdenden fossilen Kraftstoff angewiesen sein. Das geht mit weiteren Emissionen einher, die die Klimakrise befeuern, und die eine Kostenfalle für die betroffenen Menschen darstellen.

Ergänzung zu HVO100 und anderen Bio-Kraftstoffen:
Bei diesen aus Pflanzenresten bestehen Kraftstoffen ist das Problem ähnlich wie bei E-Fuels. Auch diese wird es nicht in ausreichender Menge geben. Pflanzliche Abfälle gibt es nicht in so großen Mengen und HVO-Kraftstoffe konkurrieren hier mit Biogas, für das die Menge an Pflanzenabfällen allein auch schon nicht reicht. Würde man stattdessen Pflanzen anbauen, werden diese Kraftstoffe zum Klimakiller, da junge Pflanzen die ersten Jahre Treibhausgas emittieren und nicht binden. Hinzu kommt, dass die Flächeneffizienz von Biomasse im Vergleich zu Agri-PV oder Windenergie deutlich kleiner ist [6].

Wasserstoff in Heizungen

Das Gebäudeenergiegesetz in Deutschland wurde von der mitregierenden FDP so sehr verwässert, das es nun de facto nutzlos ist. Es wird von den Anhänger:innen gefeiert, dass die FDP die „Technologieoffenheit“ reingebracht haben. Ursprünglich hätten bei Neuinstallationen nur Heizungen eingebaut werden dürfen, die mindestens 65 % der thermischen Energie regenerativ erzeugen. Obwohl dieser Vorschlag vom Wirtschaftsminister Robert Habeck auch schon sehr schwach war (warum nicht 100 %, so wie es z.B. Dänemark schon vor über 10 Jahren beschlossen hat?), hat das einige Leuten nicht gereicht. Es ist nun weiter erlaubt, auch Gasheizungen im Neubau einzubauen, solange diese „H2-Ready“ sind. Das ist ein großer Erfolg der Gas-Branche [7], denn dadurch können diese Unternehmen weiter fossiles Gas an die Menschen verkaufen, die auf diese Täuschung reingefallen sind. Warum ist das so?

  • Wasserstoff werden diese Heizungen nie sehen, denn Wasserstoff, besonders grüner Wasserstoff, ist selten und damit teuer. Claudia Kemfert vom DIW hat grünen Wasserstoff treffend als „Champagner unter den Energieformen“ bezeichnet [8].
  • Die heutigen Gasnetze sind nicht in der Lage reinen Wasserstoff zu befördern, weil die Leitungen durch die Anfälligkeit von Wasserstoffversprödung diesem nicht standhalten würden. Eine Beimischung von maximal 20 % gilt als möglich. Dann ist der Rest aber noch immer etwas anderes.
  • Damit eine Heizung mit Wasserstoff betrieben werden kann, müssten selbst bei vorhandenen Leitungen alle Gebäude einer Region auf Wasserstofffähigkeit umgerüstet sein. Das ist nicht sehr wahrscheinlich und würde betroffene Haushalte in genau eine bestimmte Technologie zwingen. Das ist das Gegenteil von „Technologieoffenheit“.

Das bedeutet auch hier, ähnlich wie bei E-Fuels, dass Menschen, die auf die Lügen reinfallen, weiter auf fossiles Gas der Gaslieferanten angewiesen sind, was ebenfalls eine Kostenfalle mit Ansage ist. Viele Stadtwerke in Deutschland [9] warnen daher seit einigen Monaten vor dem Einbau neuer Gasheizungen – bei manchen Menschen leider vergeblich.


Carbon Capture and Storage (CCS)

Das ist eine ganz spannende Nummer, die die Fossil-Lobby hier postuliert. Bei CCS handelt es sich um ein Verfahren, bei dem CO2 aus der Atmosphäre entzogen und dann in die Erdkruste verpresst wird. In Deutschland ist das Verfahren bisher verboten. Länder wie Norwegen bauen es dagegen zum großen Geschäftsmodell aus [10]. Die CCS-Technologie wird in so genannten Hard-To-Abate-Sektoren zum Einsatz kommen. Das sind die Bereiche, die aktuell CO2 emittieren und bei denen man es derzeit nicht ändern kann. Dazu zählt zum Beispiel die Zement- und Betonherstellung. 

Was aber die Fossil-Lobby suggeriert, ist die Illusion, man könne einfach durch CCS weiter wie gewohnt Treibhausgase emittieren. Auch manche Hochschullehrer verbreiten derartige Illusionen, frei nach dem Motto, „die Emission ist dann kein Problem mehr, wenn man diese nicht in die Atmosphäre entweichen lässt“. Doch das alles sind unhaltbare Versprechen:

  • CCS ist ein nach wie vor unsicheres Verfahren. Ähnlich wie bei Endlagerstätten für Atommüll kann niemand sagen, ob das eingepresste CO2 in 10.000 oder 50.000 Jahren noch immer dortbleibt, wo es sein soll. Würde es entweichen, hätte man nichts erreicht.
  • CCS ist sehr teuer. Eine der umgesetzten Anlagen steht auf Island. Diese hatte ein Investitionsvolumen von 10-15 Millionen US-Dollar und schafft 4000 Tonnen CO2 im Jahr [11]. Der Betrieb auf Island ist dabei durch Geothermie noch sehr günstig. Stehen solche effizienten Energiequellen nicht zur Verfügung, wird dieser energieintensive Prozess noch teurer.
  • Die Mengen, die CCS verpressen kann, sind überschaubar. Eines der weltweit größten Projekte läuft gerade in Norwegen und nennt sich „Longship“ [10]. Dahinter steckt ein Unternehmen namens „Northern Lights“, an dem auch Shell und Total beteiligt sind. Perspektivisch sollen dort mal 5 Millionen Tonnen pro Jahr verpresst werden. Allein Deutschland emittiert aktuell 746 Millionen Tonnen [12]. Daran wird deutlich, wie gering das Potential von CCS ist.

Damit ist auch CCS keine Option, um weiter die alten Fehler fortzusetzen. Aber obwohl die Daten eindeutig sind, wird die Erzählungen von der Fossil-Lobby immer weiterverbreitet und einige greifen es auf.


Bewusste und unbewusste Akteur:innen

Die Märchen von E-Fuels, Wasserstoff und CCS werden nicht nur von bezahlten und aktiv handelnden Lobbyist:innen in die Welt getragen. Es gibt viele Menschen, die auf diese Lügen reinfallen. Sie handeln unbewusst als unbezahlte Lobbyist:innen der fossilen Branche, die auf Kosten unseres Lebensraums noch möglichst viel Profite machen will, getreu dem Motto „Gier frisst Hirn“.

Um ahnungslose Menschen zu ködern, haben sich viele scheinbar gemeinnützige Vereine gegründet, die in sozialen Medien und öffentlichen Auftritten die oben genannten Lösungen als vermeintlichen Klimaschutz propagieren. Diese perfide Strategie geht bei vielen Menschen auf, weil sie Emotionen auf ihrer Seite haben. Menschen fürchten sich vor Veränderungen und alle Ansätze, die einem verheißen, man müsse nichts verändern, klingen für viele attraktiv.

Die Natur verhandelt nicht

Den Regeln der Natur sind diese Lügen und Kampagnen der Fossil-Lobby egal. Das Problem ist nur, dass wir alle am Ende die Folgen werden ausbaden müssen. Die Verantwortlichen, die die Probleme erzeugen, haben bisher leider wenig zu befürchten. Es bleibt zu hoffen, dass immer mehr die Verursacher:innen für all die Naturkatastrophen persönlich belangt werden. Das wäre dann eine echte Marktwirtschaft und konsequentes Verursacherprinzip.

Wenn Sie Fragen zur Klimatransformation in Ihrer Organisation haben, schreiben Sie uns eine Nachricht. Wir begleiten seit Jahren Unternehmen und Institutionen beim Thema Veränderung und die ist meist leichter als gedacht. 

#RestartThinking
Veränderung. Denken. Können.

Herzliche Grüße
Mario Buchinger

Wenn Sie das Thema „Die Lügen der Fossil-Lobby“ hören wollen, dann finden Sie mehr dazu im aktuellen #RestartThinking Podcast. Jeden Sonntag neu und einen Tag später auch als Video auf YouTube zu sehen.


Quellen:

[1] https://www.spektrum.de/news/wie-exxon-den-klimawandel-entdeckte-und-leugnete/1374674

[2] https://www.buchingerkuduz.com/blog/e-fuels-und-pinke-einhoerner/

[3] https://www.pik-potsdam.de/members/Ueckerdt/E-Fuels_Stand-und-Projektionen_PIK-Potsdam.pdf

[4] https://www.spektrum.de/news/e-fuels-zu-schade-fuer-autos/2116005

[5] https://www.nature.com/articles/s41558-021-01032-7

[6] https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/energie/energie-vom-acker-im-vergleich-wie-effizient-sind-photovoltaik-windkraft-und-biogasanlagen/

[7] https://www.lobbycontrol.de/lobbyismus-und-klima/wie-die-gaslobby-das-heizungsgesetz-entkernt-hat-109931/

[8] https://www.rnd.de/wirtschaft/wasserstoff-als-energietrager-wirtschaftsexpertin-claudia-kemfert-warnt-wasserstoff-ist-nicht-das-neue-ol-ZXMSXVSIGVDMTAJAJHFADF4EMU.html

[9] https://www.spiegel.de/wirtschaft/heizungsgesetz-grosse-stadtwerke-warnen-vor-wasserstoff-als-kostenfalle-a-d20e427d-7a5d-471e-ad0a-54dd253aba67

[10] https://taz.de/Norwegens-Endlager-fuer-Kohlendioxid/!5823921/

[11] https://www.theguardian.com/environment/2021/sep/09/worlds-biggest-plant-to-turn-carbon-dioxide-into-rock-opens-in-iceland-orca

[12] https://www.umweltbundesamt.de/daten/klima/treibhausgas-emissionen-in-deutschland#emissionsentwicklung