German Reichweitenangst - die Mythen der Autolobby
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German Reichweitenangst – die Mythen der Autolobby

Oft werden wir mit Argumenten rund um die Themen Verkehrswende, Elektroautos und Mobilität der Zukunft konfrontiert. Wir summieren das gerne unter dem mittlerweile etablierten Begriff „German Reichweitenangst“. Denn leider zeigt sich, dass diejenigen, die am lautesten schreien teilweise echt keine Ahnung haben. Daher haben wir von Buchinger|Kuduz die häufigsten Aussagen für Sie zusammengefasst und unsere Sichtweise erläutert, falls Sie auch mal in eine solche Diskussion geraten.

Die deutschen Autohersteller sind eine Leitindustrie

Ja, aber nur im Bereich der Motoren mit Verbrennungstechnik. Diese sind aber ein Auslaufmodell. In Bezug auf Elektromobilität und die Mobilität der Zukunft muss diese Aussage klar verneint werden.

Wir müssen die Arbeitsplätze in Deutschland schützen

Viele der Arbeitsplätze befinden sich schon heute nicht mehr in Deutschland. Durch Kostenoptimierungsprogramme werden bereits seit Jahren viele Fahrzeuge im Ausland (z.B. Ungarn, Tschechien, Mexiko, USA, China, usw.) gebaut. Darüber hinaus erfolgen wesentliche Teile der Wertschöpfung durch Lieferanten. Diese sitzen in vielen Fällen ebenfalls im Ausland.

Viel dramatischer ist aber, dass durch den Fokus auf die Verbrennungstechnologie die Branche nicht zukunftsfähig ist. Die Arbeitsplätze in der deutschen Autobranche und den österreichischen Zulieferbetrieben werden so und so verschwinden, wenn die Entscheider in den Führungsetagen so weiter machen. Der Mobilitätswandel wurde zehn Jahre lang nicht ernst genommen und massive Veränderungen sind bereits mehr als sichtbar. Investitionen in neue Technologien werden nun zwar gemacht, aber nur halbherzig. Das führt uns zur nächsten Aussage.

VW, Audi und Co. sind zukunftsfähig

Besonders in Deutschland hört man diese Aussage sehr häufig. Doch stimmt das?

  • Bei Technologien, wie E-Mobilität, Brennstoffzelle und der Vernetzung, hinken die deutschen Autohersteller hinterher. Wie im Artikel „Tesla und der Vorsprung auf die deutsche Autoindustrie“ beschrieben, wird der technische Fortschritt von Tesla auf derzeit sechs Jahre beziffert. Das zeigt sich auch an der Marktkapitalisierung, wenn ein Unternehmen wie Tesla mehr wert ist, als alle deutschen OEMs zusammen oder mehr als der bisher wertvollste Autobauer Toyota.
  • Es geht nicht mehr um „Freude am Fahren“ sondern um die Mobilität von morgen. Auch wenn ich mich wiederhole, der Besitz wird zukünftig nachrangig, es geht hin zum Nutzen.
  • Außerdem ist der Verbrennungsantrieb tot, wir können ihm derzeit beim Sterben zusehen. Viele Ländern, auch große Märkte wie China, haben bereits ein Enddatum für die Neuzulassung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor festgelegt. Ohne Emotionalität betrachtet, warum soll eine Investition in diese Technik dann noch sinnvoll sein?

„Was zählt, sind Stückzahlen“

Oft werden die Stückzahlen als Maß der Dinge gesehen. Wenn die Technik nicht zukunftsfähig ist, hilft dieses Argument leider herzlich wenig. Um den Wert eines Unternehmens zu bewerten, gibt es weitere und weitaus wichtigere Indikatoren, wie zum Beispiel den Ertrag pro verkaufter Einheit oder Erfahrung und Wissen mit neuen und disruptiven Technologien. Volkswagen hat zwar meist mehr Einheiten verkauft als Toyota, Toyota war aber immer wertvoller, weil die Rendite pro verkaufter Einheit viel größer war. Der Wert von Tesla bemisst sich an deren Wissen und Erfahrungen mit Vernetzung, IT-Architektur sowie künstlicher Intelligenz. Wäre die Stückzahl das Maß aller Dinge, wären Unternehmen wie Apple, Google oder Amazon fast wertlos.

„Elektroautos sind zu teuer

Auch diese Aussage stimmt schon heute nicht mehr, das hat selbst das recht konservativ agierende Auto Motor Sport Magazin festgestellt. Für einen Audi A3 oder 3er BMW bekommt man auch einen Tesla 3 und damit nicht nur ein zukunftsfähiges Fahrzeug, sondern auch wesentlich günstigere Betriebskosten:

  • Die Tankkosten sind günstiger.
  • Es gibt weniger Verschleißteile und damit weniger Reparaturen.
  • Durch den niedrigen CO2-Ausstoß sind die Kfz-Steuern geringer.

Darüber hinaus bieten mittlerweile viele andere, meist nicht aus Deutschland stammende, Hersteller auch preisgünstige Alternativen. So gibt es sehr bezahlbare und leistungsfähige Angebote von Hyundai, Kia, Nissan oder Renault. Dazu kommen Start-Ups wie E.Go oder Sion.

„German Reichweitenangst

Unsinn, wie „Es gibt nicht genügend Ladesäulen.“ oder „Es gibt nicht genügend Strom für alle E-Fahrzeuge.“ wird im Rahmen der German Reichweitenangst noch immer gerne verbreitet. Bei Verbrennungsantrieben werden diese Fragen leider nicht gestellt. Oder haben Sie sich schon mal überlegt, was passiert, wenn alle Fahrzeuge in Deutschland oder Österreich gleichzeitig zur Tankstelle fahren? Genau, der Treibstoff wird ausgehen.

Es gibt bereits genügend Ladesäulen und der Ausbau der Ladeinfrastruktur geht voran. Achten Sie beim nächsten Spaziergang darauf, denn die Vorrichtungen sind zum Teil unscheinbar. Verschiedene Plattformen, die den einfachen und unkomplizierten Zugang dazu anbieten, sind ebenfalls bereits vorhanden. Beispielsweise bietet der deutsche ADAC eine interessante Lösung an.

Das Thema Schnellladen ist absolut überbewertet, denn die schnelle Energiebereitstellung ist nur bei Langstreckenreisen nötig. Im Alltag reichen schon ein normaler Schukostecker oder ein 11 kW-Anschluss. Wir haben unseren Starkstromanschluss über die Laderegelung im Auto auf 5A heruntergeregt (circa 3,5 kW), denn es bringt nichts, wenn das Auto um 01.00 Uhr nachts voll geladen ist.

Weitere Scheinargumente:

Der Stromverbrauch ist auch nicht das Thema. Sollten plötzlich 20 Millionen E-Fahrzeuge in Deutschland fahren, würde der Stromverbrauch nur um 7 % hochgehen, das entspricht zweimal der jährlichen Zubaumenge von Windkraftanlagen in Deutschland.

Gerne kommt auch das Argument, dass das Stromnetz zusammenbricht, wenn alle um 18.00 Uhr nach Hause kommen und ihr E-Auto laden. Erstens kann es gut der Fall sein, dass die Autos nicht geladen werden müssen, da sie noch genügend Akkukapazität haben und/oder bereits während des Tages geladen wurden. Zweitens kann man bei vielen Fahrzeugen die Ladezeit steuern und drittens erproben Energieversorger bereits die Möglichkeit, Fahrzeuge als Energiespeicher für Spitzenlasten im Netz zu nutzen. Mittels smarten Steuerungen kann so überschüssiger Strom in Autos geladen werden. Die Besitzer erhalten für diese Bereitstellung einen gewissen Bonus und hier wird sich in Zukunft sicherlich noch einiges tun.

Und wir mussten noch immer nicht an der Ladesäule übernachten. Nach mehr als vier Jahren als E-Vielfahrer können wir sagen, die Reichweitenangst ist Unfug. Wie oft fahren Sie überhaupt weite Strecken? Die durchschnittliche Fahrleistung pro Tag in Österreich beträgt 34 Kilometer (laut VCÖ). Diese Distanz ist für alle gängigen E-Fahrzeuge locker machbar. Für längere Strecken gibt es Schnellladesysteme.

Fazit

Sie sehen, die Argumente gegen Elektromobilität und die Verkehrswende lassen sich leicht entkräften. Wir sind mit den Stilblüten aber noch nicht am Ende, daher gibt es noch einen zweiten Teil von „German Reichweitenangst“, welcher in August im #RestartThinking Blog erscheinen wird. Bis dahin wünsche ich Ihnen sommerliche Tage!

Beste Grüße,
Ihre Marlene Buchinger